Vom Suchen, Finden und Loslassen

Camino-Pfeil | (c) Antje Münch-Lieblang

So viel Geduld und so viele Bananen. Trotzdem kein Affe. Das mit der Stellenausschreibung brachte ich nicht über mich. Einen wilden Affen kann man nicht so einfach gegen einen anderen wilden Affen ersetzen. Das weiß jeder, dem mal sein wilder Affe abhanden gekommen ist. Also habe ich Bananen in meinen Rucksack gepackt, meine Wanderschuhe angezogen und mich aufgemacht, den wilden Affen zu suchen.

Zuerst bin ich nach Frankreich geflogen. Dort begann ich zu laufen. Ich lief über die Pyrenäen bis nach Spanien, folgte gelben Pfeilen, bewunderte die wunderschöne Natur, traf Schmetterlinge, Eidechsen, Adler, Wildpferde und Schafe, aber keinen Affen. Ich fragte die Schmetterlinge, Eidechsen, Adler, Wildpferde und Schafe, ob sie vielleicht einen wilden Affen gesehen hätten, einen total verrückten Typen, eine Spaßkanone sondergleichen, kaum zu übersehen und auch nicht zu verwechseln. Sie verneinten und sagten, sie sähen Tag ein Tag aus nur Menschen wie mich, mit Rucksack und Wanderschuhen, die auf der Suche nach wilden Affen und ähnlichem Getier seien, aber wilde Affen selbst hätten sie noch nie gesehen.

Ich lief weiter und durchquerte ganz Spanien zu Fuß. Dabei traf ich weitere Schmetterlinge, unzählige Heuschrecken, freche Fliegen, Schnecken und einen Esel, der mir die Zähne zeigte, als ich ihn nach dem Affen fragte. Außerdem traf ich viele andere Menschen mit Rucksack und Wanderschuhen. Manche von ihnen waren laut, andere waren leise. Einer von ihnen war beides. Den behielt ich.

Nach über dreißig Tagen, neunhundert Kilometern, zahlreichen Orten, Betten und Stempeln, sowie mürrischen Füßen, viel Bier und Bananen, erreichte ich das Ende der Welt. Dreimal dürft ihr raten. Auch dort kein wilder Affe. Stattdessen traf ich eine zeitlose Schildkröte.

Die zeitlose Schildkröte war ganz anders als der wilde Affe, aber schien dennoch gut zu mir zu passen. Als meine Reise und somit auch unsere gemeinsame Zeitlosigkeit dem Ende zuging, fragte ich sie, ob sie vielleicht Interesse an der Stelle des wilden Affen hätte. Die Schildkröte sagte, sie habe die nächsten hundert Jahre noch nichts vor und willigte ein. Natürlich war sie nicht auf den Panzer gefallen und handelte erstmal einen ordentlichen Salatzuschlag aus.

Obwohl ich mich auf zu Hause freute, weinte ich ein wenig als wir zum Bus gingen. Die Schildkröte war in Reiselaune und sah entspannt ihrer ersten Erfahrung mit öffentlichen Verkehrsmitteln entgegen. Sie setzte sich auf den Fensterplatz und knabberte unbekümmert an ihrem ersten Salatvorschuß, während der Bus sich langsam in Bewegung setzte.

«Sei nicht traurig. Du kommst wieder. Das tun alle irgendwann.», sagte sie mit vollem Mund, während sie aus dem Fenster schaute, «Einmal Muschelsucher, immer Muschelsucher!»

Ich wusste, sie würde Recht behalten.

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